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Mit Töpfchentraining schneller trocken? So sinnvoll ist es wirklich

Spätestens wenn Kinder ein Jahr alt werden, denken viele, dass es nun an der Zeit sei, mit dem Töpfchentraining zu beginnen, damit das Kind so schnell wie möglich trocken wird. Und auch die älteren Generationen sind davon überzeugt, dass es mit dieser Methode schneller klappt, je früher man damit beginnt. So sitzen teilweise schon 6-monate-alte Babys krumm und schief auf dem Topf und das mit mäßigem Erfolg. Aber was bedeutet Töpfchentraining überhaupt? Töpfchentraining ist ein recht vager Begriff. Er suggeriert, dass ein Baby oder Kleinkind so trainiert wird, dass es auf dem Töpfchen sein Geschäft erledigt. So weit, so einfach. Aber ist es das wirklich? Verstehen wir alle darunter das Gleiche oder umschreibt es vielmehr verschiedene Herangehensweisen? Und welche ist wirklich geeignet? Kann es vielleicht mitunter sogar schaden? All diesen Fragen widmet sich dieser Artikel.

Das Wichtigste in Kürze

  • Töpfchentraining gibt es schon sehr lange, in der DDR war es besonders strikt.
  • Strenges Töpfchentraining ist für Kinder eher schädlich!
  • Besser ist es, entspannt Gelegenheiten zu schaffen, aber immer ohne Zwang.
  • Meide Ratgeber, die zu viel versprechen.
  • „Windelfrei“ ist etwas ganz Anderes und durchaus eine Alternative, wenn man schon früh damit beginnt.

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Töpfchentraining in den 50er/60er Jahren

Bereits in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, also der kinder- und arbeitsreichen Nachkriegszeit, wurden die meisten Babys in der westlichen Welt einer sehr stringenten Sauberkeitserziehung unterzogen. Mütter hielten sie bereits sehr früh über der Toilette ab und setzten sie so früh es ging auf den Topf, bis etwas kam. Auf diese Art ging tatsächlich ein großer Teil der Ausscheidungen in Topf oder Toilette, aber mit der früheren Erlangung der Kontrolle über Blase und Darm hatte diese Methode nicht viel zu tun. Sie sparte lediglich Windeln, welche dann nicht mühsam mit der Hand ausgewaschen und danach gekocht werden mussten. Studien (Remo Largo, Zürcher Longitudinalstudie und Generationenstudie), die Kinder aus dieser Zeit mit solchen aus späteren Jahrzehnten verglichen, in denen es bereits Wegwerfwindeln gab, kamen zu dem Schluss, dass früh an den Topf gewöhnte Kinder dennoch nicht zeitiger komplett trocken waren, als die anderen. Zu den psychischen Folgen des Topf-Zwanges gab es leider keine Untersuchungen.

Töpfchentraining in der DDR

In der DDR trieb das sogenannte „Topfen“ vor allem in den Kinderkrippen besonders unschöne Blüten. Dort wurden die Babys noch in den 80er Jahren mehrmals am Tag schon mit 6 Monaten in Reih und Glied auf den Topf gesetzt, bis sie ihr Geschäft erledigt hatten. In einigen Krippen wurden die Kinder festgebunden, wenn sie nicht sitzenbleiben wollten. Grund war vor allem eine Arbeitserleichterung für die Betreuer, denn oft kamen 20 Krippenkinder auf eine Betreuerin und Wegwerfwindeln gab es nicht. Natürlich gab es auch Kinder, die Spaß daran hatten, aber es wurde kein Unterschied gemacht. Die Kinder mussten auf den Topf, ob sie wollten oder nicht. Wer mit 3 nicht trocken war, wurde mitunter vom Kindergarten ausgeschlossen.

Dass diese Behandlung nicht gut sein konnte, ist mittlerweile vielen klar. Auch wenn Mütter von damals auch heute noch schwören, dass ihre Kinder schon mit einem Jahr trocken waren. Vielleicht führte die Regelmäßigkeit dazu, dass sich der kindliche Rhythmus dann irgendwann zwangsläufig anpasste. Unfälle gab es aber auch damals noch und nachts klappte es sowieso nicht so schnell. Dies wird aber gern in den Erzählungen vergessen. Die eigene erzieherische Leistung wird in der Vergangenheit oft geschönt erinnert, Misserfolge werden verdrängt. Dies führt dazu, dass diese Mütter nun ihren Kindern in den Ohren liegen, sie sollten ihr Kinder doch bitteschön ebenso erziehen. Es lohnt sich, solche Ratschläge immer genau zu hinterfragen und seinen eigenen Weg zu gehen.

Töpfchentraining heute

Was bedeutet Töpfchentraining also heute? Oft wird in völlig überteuert angebotenen Ratgebern eine Methode angepriesen, die verspricht, dass Kinder damit innerhalb kürzester Zeit trocken werden sollen. Meist handelt es sich um eine Zusammenstellung von teils recht fragwürdigen, sich widersprechenden Tipps ohne jede wissenschaftliche Grundlage. Sieh solche Angebote immer mit einer Prise Skepsis. Kinder sind individuell verschieden. Eine Methode, die für alle passt, gibt es nicht. Wann Kinder beginnen, ein Töpfchen zu benutzen, hängt von ihrem Reifegrad ab. Manche können und möchten dies schon mit einem Jahr, aber das ist eher selten. Die meisten sind erst mit etwa zweieinhalb wirklich bereit, wenn sie in Windeln aufgewachsen sind. Vorher spüren sie die Signale von Blase und Darm noch nicht gut genug und merken nicht rechtzeitig, wenn sie müssen. Einige brauchen sogar noch Jahre länger, bis alle körperlichen Voraussetzungen erfüllt sind.

Es bringt also nichts, zu viel zu erwarten. Ganz im Gegenteil. Wenn Eltern Druck aufbauen, weil sie oder ihre Umwelt zu hohe Erwartungen haben, profitiert das Kind in keinster Weise davon. Es ist wahrscheinlicher, dass es sich durch den Druck verschließt, es wird verunsichert und zeigt mitunter für längere Zeit gar kein Interesse mehr am Thema Sauberkeit. Kinder, die auf diese Art zu etwas gezwungen werden, dass sie nicht wollen, tragen nicht selten einen psychischen Knacks davon, der sich später sogar in erneutem Bettnässen äußern kann.

Wenn Eltern stattdessen entspannt bleiben und auch kleinere Unfälle gelassen sehen, klappt es mit der Zeit immer besser. Modernes Töpfchentraining bedeutet also lediglich, dem Kind die Zeit zu geben, die es braucht, bis es sauber werden möchte und ihm ein Töpfchen anzubieten, sobald es konkrete Reifezeichen zeigt, dass sich eine Blasenkontrolle eingestellt hat. Gut ist es auch, sooft es geht, die Windel wegzulassen, damit das Kind ein besseres Gefühl für seinen Körper entwickeln kann. Am besten klappt dies in der wärmeren Jahreszeit, wenn es zum Beispiel im Garten unten ohne herumflitzen darf.

Was du tun kannst Was du lassen solltest

  • Reifezeichen abwarten
  • Vorweg ein Töpfchen besorgen
  • Öfter die Windel weglassen
  • Zum richtigen Zeitpunkt Topf anbieten
  • Akzeptieren, wenn das Kind noch nicht bereit ist
  • Geduld haben

  • Das Kind auf den Topf setzen, bis etwas kommt
  • Das Kind ständig fragen, ob es muss
  • Schimpfen oder bestrafen, wenn etwas daneben geht
  • Dem Kind Absicht unterstellen
  • Zu viel erwarten

Windelfreies Aufwachsen in der heutigen Zeit

Eine Methode, die natürliche Sauberkeit fördert, soll nicht unerwähnt bleiben. Manchmal wird sie mit Töpfchentraining verwechselt, allerdings zu unrecht. Es handelt sich um „Windelfrei„, eine uralte und doch so neue Strömung. Was Urvölker schon seit vielen Jahrtausenden praktizieren und auch zum Beispiel in China Gang und Gäbe ist, ist vor Jahren in den USA wiederentdeckt worden und findet auch in Europa immer mehr Anhänger. Bei der Windelfrei-Methode geht es um enge Bindung – meist an die Mutter – und frühe Kommunikation mit dem Baby.

Hintergrund ist, dass Babys schon ab der Geburt kommunizieren können, wenn sie sich erleichtern müssen. Finden diese Kommunikationsversuche kein Gehör, schwindet die Fähigkeit und das Baby gewöhnt sich so sehr an die Windeln, dass es das Gefühl für diesen Teil seines Körpers vorerst verliert. Die erneute Umgewöhnung kann dann meist erst sehr viel später erfolgen.

Will man dies verhindern, muss man schon früh die Signale des eigenen Babys beobachten und verstehen lernen und darauf angemessen reagieren. Wenn das Baby signalisiert, dass es ausscheiden muss, wird es über Töpfchen, Toilette oder sonstiges abgehalten. Die Windel bleibt sooft es geht ab. Windelfrei ist in diesem Punkt etwas irreführend, denn es ist durchaus erlaubt, Windeln zu benutzen, wenn dies nötig erscheint. Meist handelt es sich dann aber um Stoffwindeln, weil das Baby in diesen seine Ausscheidungen besser wahrnimmt als in den supersaugenden Wegwerfwindeln, die den Markt überschwemmen.

Es geht also beim Windelfrei nicht darum, Babys schon früh auf den Topf zu setzen, sondern sie werden nur dann abgehalten oder später hingesetzt, wenn sie tatsächlich müssen. Vertreter der Methode schwören, dass Kinder auf diese Art im Schnitt viel früher trocken werden, weil sie das Gefühl für ihren Körper und die Fähigkeit, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren, nicht verlieren. Um das frühere Trockenwerden geht es aber eigentlich nicht. Denn selbst, wenn die vollständige Blasenkontrolle bei windelfrei aufwachsenden Kindern ebenfalls nicht schneller als bei anderen stattfindet, ist es doch eine sehr natürliche Herangehensweise, die nicht nur Müll spart, sondern auch ein gutes Körpergefühl und eine enge Bindung zwischen Eltern und Kind fördert.

Fazit

Es hat sich im Laufe der Zeit gezeigt, dass ein striktes Töpfchentraining nicht nur nichts bringt, sondern sogar schädlich sein kann. Ratgeber, die Wunder versprechen, solltest du lieber links liegen lassen. Schafft man es jedoch, auf die Signale des Kindes mit einem Töpfchenangebot zu reagieren, kann es durchaus klappen, dass das Kind das Angebot immer häufiger annimmt. Alles sollte jedoch ohne Druck geschehen. Stattdessen kannst du dich als liebevoller Begleiter deines Kindes auf dem Weg in die Selbstständigkeit sehen. Mit positiver Bestärkung jedes einzelnen Entwicklungsschrittes wirst du weit mehr erreichen, als mit jedem noch so intensiven Töpfchentraining der Welt.

Hast du weitere Fragen oder Anmerkungen zum Töpfchentraining? Dann schreib uns einen Kommentar!

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