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Krankes Kind und jetzt? Nerven behalten!

Wenn Babys und Kleinkinder krank werden, steigt bei Eltern meist der Puls in schwindelerregende Höhen – die denkbar schlechteste Verhaltensweise. Doch warum ist das so und wie behält man einen kühlen Kopf?

1. Ist es wirklich krank?

Gerade bei Erstlingseltern gibt es ein Phänomen: Je kürzer die Geburt erst zurückliegt, desto größer ist die Panik. Jede Verhaltensänderung des Kindes – die gerade anfangs noch sehr häufig sind – wird mit Argusaugen betrachtet, die Angst vor dem plötzlichen Kindstod hängt wie ein Damoklesschwert über den Elternköpfen. Dabei ist vor allem diese Angst unbegründet: Das Risiko für den plötzlichen Kindstod beträgt gerade einmal 0,2 Promille – 0,2 Kinder pro 1000 Geburten. Und praktisch immer ist eine Reihe von Vorfaktoren bekannt. Und auch für andere Krankheiten ist das Risiko in den ersten Lebensmonaten noch extrem gering.

Dafür sorgt nämlich der sogenannte Nestschutz. Er hält bis zu sechs Monate und schützt das Baby vor einer langen Liste an Krankheiten, darunter Erkältungen und Durchfall. Nur sehr wenige Erreger werden von diesem Schutz nicht abgedeckt. Das bedeutet also, dass Eltern nicht sofort in Panik verfallen sollten. Denn die Chance, dass ihr Baby überhaupt krank ist, ist schon einmal ziemlich gering. Zudem gilt, dass die allermeisten Infektionen, die sich ein Säugling einfangen kann, in aller Regel harmlos sind.

2. Nach den richtigen Anzeichen suchen

Das bedeutet, wenn Baby „mal“ hustet, wäre es schlicht falsch, sofort zum Arzt zu fahren. Das einzige, was solche Abweichungen vom Normalzustand auslösen sollten, ist eine leicht erhöhte Wachsamkeit der Eltern über die nächsten Stunden und Tage. Denn ob ein Baby krank ist, zeigt sich anders als bei älteren (Klein-)Kindern in den meisten Fällen nur durch auffällige Verhaltensmuster, die sich nur durch Beobachtung erkennen lassen

Baby weint

  • Schläft ungewöhnlich lange und/oder unruhig
  • Weint viel häufiger als normal
  • Ungewöhnlich quengelig
  • Wirkt und verhält sich gleichgültig
  • „Ungesunde“ Gesichtsfarbe

Allerdings: Auch das ist noch kein hundertprozentiger Indikator für eine Krankheit, sofern diese Punkte einzeln auftreten. Indes ist ein sicheres Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, das schlechte Trinken. Kommt dies bei mehreren Mahlzeiten unmittelbar nacheinander vor, ist ein Gang zum Arzt am nächsten Tag empfehlenswert. Nur wenn das Kind eines der folgenden Symptome aufweist, ist schnelleres Handeln angeraten und der Arzt sollte sofort aufgesucht werden:

  • Durchfall länger als zwölf Stunden
  • Erbrechen länger als sechs Stunden
  • Unerklärliche Ausschläge in Verbindung mit Fieber
  • Verbrennungen größer als eine Ein-Euro-Münze
  • Husten und starke Geräusche beim Einatmen
  • Trockene Lippen nebst sechs oder weniger Urinabgängen am Tag

Und bitte: Niemals, unter wirklich keinen Umständen sollten Krankheitssymptome gegoogelt werden. Die Suchmaschine ist kein medizinischer Ansprechpartner. Das dortige Halbwissen neigt nämlich dazu, entweder zu viel oder zu wenig Sorge zu bereiten. Nur von einem Arzt sollte man medizinische Informationen einholen.

3. Arzt – nicht Notaufnahme

Dabei liegt die Betonung auf Arzt, denn vollkommen übertrieben wäre es, mit einem Baby gleich die nächste Notaufnahme anzusteuern, nur weil sein Verhalten den Eltern irgendwie komisch vorkommt. Zum einen blockiert dies wichtige Ressourcen. Notaufnahmen in Deutschland sind so heillos überfüllt, dass derzeit schon sogenannte Notfallautomaten installiert werden, die für kleinere Wehwechen zur Verfügung stehen – auch ein Grund dafür sind panisch reagierende Eltern. Und zum anderen sind viele dieser Zentren auch gar nicht auf Pädiatrie, also Kinderheilkunde, spezialisiert. Man müsste also das ganze Prozedere dort durchlaufen, wahrscheinlich sogar noch etwas Wartezeit, nur um dann erklärt zu bekommen, dass der diensttuende Mediziner nicht wirklich der richtige Ansprechpartner ist.

Zeigt das Baby an einem Wochentag Symptome, sollte zunächst über Nacht beobachtet werden – immerhin besteht ja auch die durchaus realistische Möglichkeit, dass diese wieder abflauen, weil das kindliche Immunsystem die Oberhand gewinnt.

Selbst wenn das nicht geschieht, kann ganz einfach in die normale Sprechstunde des Kinderarztes gefahren werden, denn genau dafür ist sie da. Und erst wenn der Doc die Diagnose „Krank“ stellt, sollten weitere Maßnahmen eingeleitet werden. Dazu zählt auch das elterliche Krankmelden auf der Arbeit. Denn selbst wenn das als Persönliche Arbeitsverhinderung zu den vier Modi Operandi der Fortzahlung von Entgelten zählt (die anderen sind eigene Krankheit, Urlaub und gesetzliche Feiertage), wäre es doch für die Arbeit nachteilig, wenn man andauernd fehlt, weil das Baby „sich irgendwie nicht wohlfühlt“. Auch diese Institution wurde vom Gesetzgeber nur für „echte“ Krankheitsfälle eingerichtet.

Baby beim Arzt

Und auch wenn die ersten Symptome an einem typischen Samstagnachmittag auftreten, wenn der Kinderarzt geschlossen hat, ist das Krankenhaus ebenfalls nicht der richtige Zielort. Denn genau dafür gibt es auch für Babys und Kleinkinder den Ärztlichen Notdienst. Er ist bundesweit sowohl vom Handy als auch Festnetz unter 116 117 zu erreichen.

4. Cool down, liebe Eltern

Spätestens mit der Diagnose ist das ungute Gefühl vieler Eltern in echte Sorge umgeschlagen. Und, das ist wissenschaftlich erwiesen: Sorgen vernebeln nicht nur den Verstand und behindern rationelles Denken, sondern machen regelrecht selbst krank. Und was ein wirklich krankes Kind sicherlich nicht braucht, sind Eltern, die vor lauter Angst nicht mehr zu rationalen Handlungen fähig sind.

Baby im Arm der Mutter

Das bedeutet, als allererstes müssen die Ängste nun nach hinten verdrängt werden. Das geht mittels einfacher Psychotricks. Dabei sollte man sich auf die „Was wäre wenn“-Ängste konzentrieren, die jetzt im Kopf kreisen: „Was, wenn das Fieber jetzt nicht sinkt?“Was, wenn die Entzündung sich verschlimmert?“. Bei solchen Gedanken hilft es schon, jedes Mal, wenn sie sich aufdrängen, laut Stopp zu sagen. Schon alleine, weil sie absolut nichts beitragen außer noch mehr Sorgen.

Und dann muss man seinem Gehirn klarmachen, dass das Kind jetzt die volle, nüchterne Aufmerksamkeit der Eltern braucht:

  1. Die Handlungsanweisungen des Arztes mehrfach durchlesen
  2. Das Kind haargenau so behandeln, wie es verordnet wurde
  3. Einen schriftlichen „Pflegeplan“ aufstellen, in dem man das weitere Vorgehen festhält
  4. Keine zusätzlichen „Privatheilversuche“ starten („das hat mir meine Oma auch immer gegeben“)
  5. Keine Wunderwirkungen erwarten – jedes Heilmittel braucht, bis es anschlägt

Das mag zwar sehr kühl wirken, aber ein krankes Kind braucht keine panischen, emotionsgesteuerten „Hühner“, sondern Eltern, die genau das für es tun, was die einzige gültige Instanz – der Arzt – verordnet hat.

5. Maßvolles Heilen und Vorsorgen

Die Chance, dass das eigene Kind wirklich ernsthaft krank ist, ist sehr gering. Was in aller Regel also das Problem sein wird, sind kleinere Dinge – Durchfall, Fieber, die üblichen Wehwehchen. Und auch das Eingestehen der Harmlosigkeit dieser Krankheiten ist ein Teil des Prozesses, den Eltern jetzt durchlaufen müssen. Nein, es ist keine Meningitis, nein, man hat nicht als Eltern versagt. Das Kind hat sich irgendwo etwas eingefangen, das so harmlos ist, dass es schon in ein paar Monaten gar nicht mehr daran erkrankt wäre, weil dann sein Immunsystem schon auf eigenen Beinen stehen kann. Liebe und Pflege sind das Einzige, was man dem Kind außer den vom Arzt verordneten Dingen zugutekommen lassen sollte.

Und auch wenn die Krankheit ausgestanden ist, wäre es der vollkommen falsche Ansatz, von nun an das Kind in irgendeiner Weise überzubehüten. Das Immunsystem von Säuglingen und Kleinkindern braucht zwingend die Stimulation, die es durch den Kontakt mit Krankheitserregern, Viren und Bakterien bekommt. Wer seinem Kind das verweigert, es buchstäblich in Watte packt, sorgt nur dafür, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es bald wieder krank wird, nicht nur stark ansteigt, sondern dass diese künftigen Krankheiten dann auch schwerer verlaufen werden.

Nur ein trainiertes Immunsystem kann Kinderkrankheiten abhalten. Doch damit das funktioniert, muss es seine Gegner kennen. Wenn Eltern nach dem ersten Babydurchfall die „grobe Desinfektionskeule“ auspacken, töten sie genau die Erreger, die zu gering sind, um wirkliche Krankheiten auszulösen, aber genau richtig wären, um dem Immunsystem auf die Sprünge zu helfen. Deshalb an dieser Stelle auch ein guter Rat: Babys brauchen Sauberkeit, kein Zuhause, das so porentief rein ist, dass man darin Operationen durchführen könnte.

Fazit

Babys werden krank. Das ist ganz natürlich. Und genau deshalb sollte es auch nicht dazu führen, dass Eltern den Kopf verlieren. Weder bedeutet – außer bei echten Notfällen – jede Verzögerung eine akute Lebensgefahr für den Sprössling, noch muss jedes Symptom gleich mit der vollen Macht der Medizin bekämpft werden. In den allermeisten Fällen hilft Ruhe: Ruhe, um den Verlauf genauer zu beobachten, Ruhe, um das Kind nicht ängstlich zu machen und Ruhe, um die wirklich notwendigen Schritte mit der größtmöglichen Klarheit durchführen zu können.

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